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PMS 07/14 v. 08.05.2014

Paritätischer fordert Ende der Minutenpflege: Expertise belegt chronische Unterfinanzierung der ambulanten Pflege

Eine chronische Unterfinanzierung der ambulanten Pflege belegt eine aktuelle Expertise des Paritätischen Gesamtverbandes. Die Vergütungen lägen im Durchschnitt um 48 Prozent zu niedrig. Die Finanzierungslücke habe bisher nur aufgefangen werden können durch eine ganz erhebliche Arbeitsverdichtung und schrittweise schlechter werdende Arbeitsbedingungen. „Wenn nur noch rund die Hälfte finanziert wird, kann auch nicht mehr die volle Leistung erbracht werden“, sagt Christian Boenisch, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen e.V. „Vereinfacht gesagt: Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen ihre eigentliche Arbeit in der Hälfte der ursprünglich veranschlagten Zeit erledigen. Dass das nur Stress und Hektik sowohl für die Pflegedienste als auch für die von ihnen betreuten Menschen verursacht, ist die logische Konsqequenz. Eine weitere Arbeitsverdichtung und dadurch zusätzlicher Druck auf das Pflegepersonal ist unmöglich.“ Der Paritätische fordert deutlich höhere Vergütungen für die ambulanten Pflegedienste.

Damit Mehrkosten nicht auf die Pflegebedürftigen abgewälzt werden, seien ferner auch höhere Leistungen in der Pflegeversicherung notwendig. Der Paritätische Gesamtverband spricht von Mehrkosten in Höhe von rund einer Milliarde Euro jährlich. „Die Rahmenbedingungen in der ambulanten Pflege sind an der Grenze des Zumutbaren. Dass das gesamte System bis heute nicht kollabiert ist, ist den Menschen zu verdanken, die vor Ort mit hohem Engagement an der Grenze zur Selbstausbeutung agieren. Es sind die Löhne für die Beschäftigten auf der einen Seite und die Zeit für Pflege und Zuwendung auf der anderen Seite, die auf der Strecke geblieben sind“, so Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.

Der Paritätische Niedersachsen hatte erst vor wenigen Tagen verwundert zur Kenntnis genommen, dass sich Gernot Kiefer, Vorstand des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), für eine deutlich bessere Bezahlung von Pflegekräften einsetzt. Denn die nicht ausreichende Bezahlung, die von der aktuellen Studie des Paritätischen Gesamtverbands erneut deutlich unterstrichen wird, liegt am Unwillen der Krankenkassen: „Sie haben sich seit Jahren gegen Vergütungerhöhungen gesträubt und verdrehen jetzt die Tatsachen, indem sie öffentlich bessere Bezahlungen fordern - denen sie sich seit Jahren verweigern!“ kritisiert Christian Boenisch. „Die Studie des Paritätischen Gesamtverbands belegt nochmals deutlich, wie wichtig es ist, gemeinsam zum Wohle aller Beteiligten für bessere Bedingungen in den Pflegeberufen zu sorgen!“

Neben angemessenen Gehältern und der Berücksichtigung steigender Betriebskosten wie Benzin für die Einsatzfahrzeuge, seien die Kosten insbesondere durch neue Anforderungen an die Qualifikation des Personals und die Dokumentation der Leistungen massiv gestiegen. Allein der Bürokratieaufwand sei seit 1998 um 16 bis 24 Prozent angestiegen, so das Ergebnis des Gutachtens. In der Praxis bedeute die chronische Unterfinanzierung eine „Pflege im Minutentakt“, die für alle Beteiligten eine Zumutung sei. Um angesichts der aktuellen Vergütung keine Verluste zu machen und letztlich in den Konkurs zu gehen, müsse ein Pflegedienst heute beispielsweise die sogenannte „große Morgentoilette“ (Unterstützung beim Verlassen des Bettes, dem An- und Auskleiden, dem Duschen und Frisieren) in weniger als einer halben Stunde erledigen. Für die Reinigung der Wohnung dürfe eine Pflegekraft maximal 6 Minuten aufwenden, für die Hilfe beim Essen und Trinken nur noch eine viertel Stunde.

Der Paritätische fordert die Bundesregierung auf, von der geplanten Einrichtung eines Vorsorgefonds in der Pflege Abstand zu nehmen und stattdessen die rund eine Milliarde Euro jährlich in die Aufwertung der Tätigkeit von Pflegediensten zu investieren. Neben der Erhöhung der Vergütungen fordert der Verband eine Erhöhung der Sachleistungsbeträge der ambulanten Pflege, damit Mehrkosten nicht an den Pflegebedürftigen hängen bleiben. Die Finanzierung der ambulanten Pflege müsse darüber hinaus künftig nach Zeit und dürfe nicht länger nach Pauschalen und Modulen erfolgen, um den Anreiz zur Verknappung von Einsatzzeiten zu beseitigen. Schließlich sei der Leitgedanke der Menschenwürde – analog zum Sozialhilfegesetz – auch im Pflegeversicherungsgesetz zu verankern. „Die Pflege braucht wieder einen Kompass und der heißt Menschenwürde. Die soziale Pflegeversicherung hat sicherzustellen, dass jeder Mensch eine Pflege erhält, die der Würde des Menschen entspricht“, fordert Werner Hesse.

Anbei die Expertise, das Pressestatement von Herrn Hesse sowie Hintergrundinformationen zum Download.