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PMS 13/14 v. 24.10.2014
Dr. Ulrich Schneider bei der Lesung in Hannover.

Paritätischer zieht bei Lesung deutliches Fazit: Menschenwürde muss wieder mehr im Mittelpunkt sozialer Arbeit stehen!

Ökonomisches Denken, das sich streng an Gewinnmaximierung und schnellem Profit orientiert, ist im Sozialen fehl am Platz - stattdessen müssen Werte wie Menschenwürde und Menschlichkeit, die die Arbeit im sozialen Bereich ausmachen, wieder stärker in den Mittelpunkt gestellt und die Kernaufgaben dieser Arbeit wieder mit dem nötigen Respekt betrachtet und auch vergütet werden. Diese Forderung an Politik und Gesellschaft ist das Fazit der gestrigen Lesung mit anschließender Diskussion in Hannover, bei der Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands e.V. in Berlin, sein neues Buch „Mehr Mensch!“ (Westend-Verlag) auf Einladung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen e.V. vor mehr als 120 Gästen vorstellte.

Zum Auftakt begrüßte Birgit Eckhardt, stellv. Vorsitzende des Paritätischen Niedersachsen, die Gäste aus Politik, Verwaltung, Verbänden, Organisationen und paritätischen Mitgliedsorganisationen. „Die Ökonomisierung des Sozialen ist ein Thema, mit dem wir als Wohlfahrtsverband tagtäglich konfrontiert werden“, sagte Birgit Eckhardt. „Aufgrund stringenter Zeitvorgaben und Budgets ist es unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oft nur unter Einsatz von viel persönlichem Engagement möglich, ihrer Arbeit so nachzukommen, dass sie den elementaren Grundgedanken der Freien Wohlfahrtspflege entsprechen. Es geht darum, gute Arbeit unter Achtung und Beachtung der Menschenwürde zu leisten.“

Dass dabei die Bedingungen der marktwirktschaftlichen Realität beachtet werden müssen, ist selbstredend - auch die Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege müssen kalkulieren und budgetieren. Doch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfüllen darüber hinaus, ihrem sozialen Selbstverständnis entsprechend, eine wichtige Aufgabe, die sich nicht in Euro und Cent berechnen lässt.  „Und genau da beginnt das Dilemma einer Gesellschaft, die diese Grundgedanken der sozialen Arbeit im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer weiter aus dem Blick verloren hat“, sagte Birgit Eckhardt. „Angestoßen vom neoliberalem Wirtschaftsdenken kam eine Bewegung in der Sozialpolitik in Gang, in der die Menschlichkeit immer mehr auf der Strecke geblieben ist und der Mehrwert regiert. So kann und so darf es nicht weiter gehen.“

Dr. Ulrich Schneider las gut eine Stunde verschiedene Passagen aus seinem Buch, gab Einblicke in die Entstehungsgeschichte von „Mehr Mensch!“ und erinnerte daran, wie das neoliberale Wirtschaftsdenken - angestoßen vom Zeitgeist des Aufbruchs nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung - mehr und mehr Einzug in einen Bereich gehalten hat, in dem es eigentlich „nichts zu suchen“ hat. Wie soziale Arbeit „marktgängig“ gemacht wurde, ließe sich gut an der Begrifflichkeit nachvollziehen: So wurde der eigentlich intime Moment zwischen zwei Menschen, das Anreichen des Essens für einen Hilfebedürftigen, kühl und sachlich zur „Hilfe bei der Nahrungsaufnahme“. Und das, so Schneider, sei das eigentliche Problem der Ökonomisierung des Sozialen: „Die Vereinfachung des Komplexen, die Verallgemeinerung des Einzigartigen, die Banalisierung des Besonderen.“

Die Rückbesinnung auf das, was eine Gesellschaft ausmacht, in der nicht alle Werte nach ökonomischen Gesichtspunkten bemessen werden, ist die Kernboschaft des Buches „Mehr Mensch!“ „Wir kommen im Sozialen nicht darum herum, uns auf die eigene Ethik, die eigene Fachlichkeit und spezifische Kompetenz zu besinnen“, erklärte Dr. Ulrich Schneider. „Kenntnisse in Betriebs- und Volkswirtschaft allein reichen im Sozialen ebenso wenig aus wie eine Motivation, die nicht in erster Linie am Klienten ausgerichtet ist.“

Im Anschluss an die Lesung moderierte Gabi Stief, Redakteurin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung aus dem Berliner Büro der Mediengruppe Madsack, eine Diskussionsrunde zwischen Dr. Ulrich Schneider und den Zuhörern, bevor die unterhaltsame  Veranstaltung mit viel Applaus seitens der Gäste zu Ende ging. „Der heutige Abend und seine interessante Diskussion haben viele Denkanstöße gegeben, die uns motivieren sollten, die vor uns liegenden Herausforderungen im Sozialen nicht nur rein wirtschaftlich zu bewerten“, fasste Birgit Eckhardt abschließend zusammen. „Wir werden darauf achten, dass die Menschen nicht auf der Strecke bleiben.“