Paritätischer Medienservice PMS

PM 13/20 v. 15.05.2020

| Aktuelles

Zum Tag der Familie: Eltern entlasten, pflegende Angehörige unterstützen

"Familien sind in der aktuellen Situation besonders belastet", sagt Birgit Eckhardt, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Niedersachsen e.V., angesichts des Internationalen Tags der Familie am 15. Mai. "Zur Sorge um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen kommt hinzu, dass sich unser aller Alltag massiv verändert hat. Großeltern dürfen ihre Enkel nicht sehen, Kinder ihre Freunde nicht treffen, Eltern zerreißen sich zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Home-Schooling. In vielen Familien wird wegen Kurzarbeit oder gar Jobverlust das Geld knapp, da reden wir über existenzielle Probleme."

Arme Familien seien von der Corona-Krise besonders betroffen. "Familien, die ALG II beziehen, kommen schon in normalen Zeiten mit dem Regelsatz kaum über die Runden", sagt Birgit Eckhardt. Jetzt sind etliche Lebensmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs teurer geworden, während viele Anlaufstellen wie die Tafeln geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet haben. Mehr Zeit zu Hause bedeutet außerdem steigende Energiekosten. Kinder bekommen kein kostenloses Mittagessen im Kindergarten oder in der Schule mehr, sie brauchen aber schnelles Internet und leistungsfähige Endgeräte, um im Home-Schooling ihre Schulaufgaben zu erledigen. Mund-Nasen-Masken, so haben Gerichte entschieden, müssen Familien aus dem Regelsatz bezahlen. "Deshalb schließt sich auch der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen dem Aufruf ,100 Euro mehr, sofort' zugunsten armer Familien an", sagt die Vorsitzende des Landesverbands. "Wir brauchen in dieser Krise einen monatlichen Zuschuss zu den Regelsätzen, denn für die Ärmsten sind die Auswirkungen der Corona-Krise wirklich eine existenzielle Gefahr. Unsere Gesellschaft zeigt gerade, wie solidarisch sie handeln kann. Diese Solidarität darf nicht bei den Ärmsten aufhören."

Auch die Zunahme von häuslicher Gewalt in der Krise ist besorgniserregend. Inzwischen bestätigen erste Statistiken die erwartete Häufung – so hat die Kinderschutzhotline des Bundesfamilienministeriums, an die sich etwa Kinderarztpraxen und Krankenhäuser bei Verdachtsfällen wenden können, in den ersten beiden Mai-Wochen so viele Anrufe verzeichnet wie im gesamten April. "Das war so zu erwarten, und trotzdem ist es furchtbar, das jetzt so klar zu sehen", sagt Birgit Eckhardt. "Häusliche Gewalt richtet sich immer gegen die Schwächsten, in den allermeisten Fällen gegen Kinder und Frauen. Es muss sichergestellt sein, dass sichere Orte auch in dieser Krise zugänglich sind, dass Beratung und Strafverfolgung von Tätern auch heute zu jedem Zeitpunkt garantiert werden."

Als Vorwarnsystem bei Kindeswohlgefährdung dienen auch Schulen und Kindergärten. Dieser Funktion können sie derzeit nur bedingt nachkommen. "Dass Schulen und Kindertagesstätten nur sukzessive wieder öffnen, unterstützen wir grundsätzlich", sagt Birgit Eckhardt. "Gerade Familien mit erhöhtem Konfliktpotenzial brauchen die Betreuung allerdings dringend. Und berufstätige Eltern dürfen mit der Betreuung ihrer Kinder nicht allein gelassen werden, wenn Geschäfte und Unternehmen den Normalbetrieb wiederaufnehmen sollen. Die Landesregierung muss bei den weiteren Lockerungsschritten das Wohl der Familien in den Mittelpunkt stellen."

Dass berufstätige Eltern ihre Kinder gut betreut wissen, dient auch den Bemühungen um mehr Gleichstellung von Müttern und Vätern. "Wir beobachten, dass in dieser Ausnahmesituation die Last der Kinderbetreuung wieder deutlich mehr bei den Müttern liegt. Sie sind es auch, die Arbeitszeit reduzieren, Sonderurlaub einreichen oder Ersatzleistungen gemäß Infektionsschutzgesetz in Anspruch nehmen. Dauern die Einschränkungen bei der Kinderbetreuung noch länger an, ist da ein echter Rückfall in tradierte Geschlechterrollen zu befürchten."

Pflegende Angehörige und Eltern von Kindern mit Behinderungen brauchen besondere Unterstützung. Zum Beispiel können Menschen in häuslicher Pflege derzeit den sogenannten Entlastungsbetrag nur teilweise in häusliche Dienstleistungen wie Einkaufs- und Haushaltshilfe investieren – viele Leistungen werden wegen der Corona-Pandemie schlicht nicht angeboten. Nicht verbrauchtes Geld verfällt nach einem bestimmten Zeitraum. "Die Menschen dürfen nicht für diese Krise bestraft werden", sagt Birgit Eckhardt. "Das Land muss die Verfallsregelung aussetzen, damit das Geld auch später verwendet werden kann. Andere Bundesländer haben dafür schon Regelungen gefunden."

Eltern beeinträchtigter Kinder wiederum brauchen dringend Unterstützung, um den Alltag zu bewältigen – und Entlastungsangebote, um wieder Kraft zu tanken. Diese Angebote gibt es derzeit nur sehr eingeschränkt. Auch alle Eltern-Kind-Einrichtungen mussten den Betrieb einstellen; wann Kuren wieder regulär angeboten werden können, ist noch nicht absehbar. "Familien sind in unserer schnelllebigen und fordernden Zeit enormem Druck ausgesetzt", sagt Birgit Eckhardt. "Sie brauchen unsere volle Unterstützung. Dieses Ziel muss in den nächsten Wochen die oberste Priorität der Landesregierung sein."